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Das Schweigen brechen

Sexuelle Gewalt in Kambodscha

April 2010
Index: ASA 23/002/2010

Einführung und Zusammenfassung aus dem englischsprachigen Bericht[1]

Chantha war 14 Jahre alt, als ihr 40-jähriger Stiefvater sie im Jahr 2007 vergewaltigte. Es war das erste Mal, dass er sie sexuell missbrauchte, aber er hatte sie bereits zuvor gewaltsam misshandelt. Die erste Person, an die sie sich wegen der Vergewaltigung wandte, war ihre Tante.

"Dann fand es meine Mutter heraus und sie erstattete ein paar Tage später Anzeige bei der lokalen Polizeibehörde."

"Wir gingen auch zum Arzt, als erstes zum Bezirkskrankenhaus, aber sie waren dort zu beschäftigt, deshalb gingen wir zu einer NGO, die mich für eine medizinische Untersuchung ins Krankenhaus brachte. Ich bekam nie irgendeine Behandlung."

Chantha berichtete Amnesty International, dass die Polizei zunächst ihren Stiefvater verhaftete, ihn aber wenige Tage später wieder freiließ.

"Ich weiß nicht warum, aber er muss die Polizei bestochen haben. Er kannte die Polizisten. Und ich glaube, er hat auch meiner Mutter etwas Geld gegeben."

Er verließ die Region, aber weil er auf freiem Fuß ist, hat Chantha immer noch Angst vor ihm und lebt in einem Frauenhaus.

"Ich fürchte, er könnte meine Familie töten, und wenn ich im Dorf bin, schäme ich mich sehr. Ich fürchte, dass ich niemanden finden werde, der mich liebt."

Eine wachsende Zahl von Berichten über Vergewaltigungen, auch von sehr jungen Mädchen, und Vergewaltigungen durch Gruppen, füllen kambodschanische Zeitungen. Die meisten Polizisten, Nichtregierungsorganisationen (NGO) und Beamte, die sich mit dem Thema befassen, sind sich einig, dass die Zahl der Vergewaltigungen steigt. Der akute Mangel an geeigneten Einrichtungen für die Opfer von Vergewaltigungen spiegelt die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Vergewaltigungen und sexueller Gewalt wider.

Kambodschas neues Strafgesetzbuch wird Ende 2010 in Kraft treten. Amnesty International fordert die kambodschanische Regierung auf, bei dieser Gelegenheit die unzureichende Strafverfolgung in Fällen von geschlechtsspezifischer Gewalt aufzugreifen. Die Regierung hat Pläne und Strategien zur Bekämpfung der geschlechtsspezifischen Diskriminierung, mit einem klaren Fokus auf Menschenhandel und häusliche Gewalt. Sie muss Vergewaltigungen und andere sexuelle Gewalt in diese Bemühungen einbeziehen, und den politischen Willen haben, dieses Problem anzugehen. Die unzureichende öffentliche Verurteilung von Vergewaltigungen seitens der Regierung zeigt den Mangel an sozialen Sanktionen. Die fehlende Hilfe - und politische Diskussionen - können als implizite Duldung sexueller Gewalt durch die Regierung und große Teile der Gesellschaft interpretiert werden. Der begrenzte Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung und sozialen Einrichtungen ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Behörden die schweren Traumata, die die Opfer erfahren, nicht anerkennen.

Das Fehlen wirksamer Ermittlungen und Strafverfolgung schadet den Opfern zusätzlich, da sie oft mit der Angst leben, dass der sich auf freiem Fuß befindliche Täter sie jederzeit wieder angreifen kann und dies führt zu zusätzlichen psychischen Schmerzen und einem gefühlten Verlust von Würde. Versäumnisse der Behörden und der Strafjustiz werden nicht hinterfragt und verschlimmern so den ursprünglichen Missbrauch. Mit jedem Täter, der ungestraft bleibt, wird signalisiert, dass die Gesellschaft als Ganzes sexuelle Gewalt nicht verurteilt.

Die Mitglieder der höchsten Ebenen der Regierung, Justiz und nationaler Institutionen sollten Vergewaltigungen und andere Formen sexueller Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Kambodscha deutlich verurteilen. Dies ist ein entscheidender Schritt, um es den Opfern zu ermöglichen und sie darin zu unterstützen, die Verbrechen anzuzeigen, die an ihnen begangen wurden und würde den Heilungsprozess der Opfer unterstützen. Die kambodschanischen Behörden müssen auch mithelfen die Hindernisse zu beseitigen, die eine wirksame Ermittlung und Verfolgung blockieren und es den Opfern von Vergewaltigungen erschweren, Gerechtigkeit zu erfahren. Amnesty International fordert die Regierung auf, sicherzustellen, dass die Opfer von sexueller Gewalt Zugang zu einer angemessenen und wirksamen rechtlichen Entschädigung und zu gesundheitlichen Informationen, Aufklärung, Schutz und sonstigen Hilfsleistungen haben.

Inmitten einer Kultur der Straflosigkeit und weit verbreiteter Korruption wird den Opfern von sexueller Gewalt in Kambodscha oftmals Gerechtigkeit verweigert. Die Opfer kämpfen mit den für das Gesundheitswesen zu bezahlenden informellen Gebühren und ringen um Hilfe und Unterstützung[2]. Üblicherweise handeln Angestellte der Strafverfolgungsbehörden, darunter Polizisten und Gerichtsangestellte, rechtswidrige außergerichtliche Zahlungen zwischen Opfern und Tätern (oder deren Familien) aus. Bei diesen Zahlungen nehmen sich Beamte einen Teil des Geldes, das die Täter an die Opfer bezahlen, während Vorgesetzte dies wissentlich ignorieren. Von den Opfern wird erwartet, dass sie die Strafanzeige gegen den mutmaßlichen Täter zurückziehen. Staatsanwälte ignorieren ihre Pflicht, mit oder ohne anzeigende Person eine Untersuchung durchzuführen.

In Kambodscha gibt es keine umfassende Statistik über Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Jedoch glauben zentrale Kreise - darunter das General-Kommissariat der nationalen Polizei, das Frauen-Ministerium und NGOs, die Hilfe für die Opfer bieten - dass die Zahl von Vergewaltigungen in Kambodscha zunimmt und dass eine wachsende Zahl von Opfer Kinder sind[3].

Die Regierung hat eine Erhebung von Daten durch das General-Kommissariat der nationalen Polizei veranlasst, aber die Zahlen sind sehr niedrig und unzuverlässig. Von November 2008 bis November 2009 hatte die Polizei 468 Fälle von Vergewaltigung, versuchter Vergewaltigung und sexuelle Belästigung registriert, ein Anstieg von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr.[4] Diese Zahl würde Fälle einschließen, die der Polizei nur gemeldet wurden, schließt aber Fälle aus, in denen die Polizei Zahlungen außerhalb des Gerichtsverfahrens vermittelte, da Berichte über derartige Fälle auf der lokalen Ebene abgeschlossen werden und nicht in die offizielle Dokumentation eingehen. Ein Netzwerk aus NGOs hat Daten über Vergewaltigungen und Menschenhandel seit 2005 zusammengestellt und dabei Informationen von über 20 teilnehmenden NGOs berücksichtigt. Sein jüngster Bericht umfasst 677 Fälle von Vergewaltigung in 2008[5]. Dieser Wert ist ebenfalls niedrig, im Vergleich zu den Statistiken aus anderen Ländern[6], und umfasst nur Fälle, die den NGOs berichtet wurden. Daten der gemeldeten Fälle - sowohl an die Polizei als auch an die NGOs - zeigen, dass eine wachsende Zahl der Opfer Kinder sind. 2009 waren 78 Prozent der Opfer von Vergewaltigungen, die sich an Menschenrechtsorganisation Adhoc (Cambodian Human Rights and Development Association) wandten Kinder, im Vergleich zu 67 Prozent 2008[7]. Es ist nicht bekannt, ob dieser Anstieg die tatsächliche Situation widerspiegelt oder die Tatsache, dass Vergewaltigung von unter 18-Jährigen eher gemeldet werden.

Diese mangelhaften Daten über sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen erschweren das Verständnis über das Ausmaß des Problems. Mangelnde geeignete Hilfe und Unterstützung für Überlebende von sexueller Gewalt, kann mit lückenhafter Information über Anzahl von betroffenen Mädchen und Frauen, ihren medizinischen und psychosozialen Bedürfnissen und ihre Lebensumstände zusammenhängen. Es gibt auch kein System zur Nachverfolgung der Fälle und den Opfern und was mit ihnen geschieht, nachdem sie von Vergewaltigungen berichtet haben. Dadurch sind die Behörden nicht gezwungen, kritisch analysieren zu müssen, wie sie mit Fällen von Vergewaltigung umgehen, wie sie die Opfer unterstützen und an welchen Stellen des Verfahrens systembedingte Mängel auftreten.

Bei Treffen mit Amnesty International stimmten NGO-Mitarbeiter, Sozialarbeiter und Regierungsvertreter gleichermaßen darin überein, dass Frauen und Mädchen, die in Armut leben, stärker durch Vergewaltigungen und andere sexuelle Gewalt gefährdet sind. Viele Frauen und Mädchen, die in Armut leben, haben keine Kraft sich selbst oder ihre Interessen zu verteidigen, sowohl vor als auch nach einem Angriff. Armut erhöht auch das Risiko für kambodschanische Frauen und Mädchen durch unzureichende Hilfe und Unterstützung erneut traumatisiert zu werden. Erschwerend kommt hinzu, dass ihre Chancen auf Entschädigung und Wiedergutmachung gering sind, weil die kambodschanische Justiz, wie viele andere, eine gewisse Voreingenommenheit gegenüber Menschen zeigt, die in Armut leben und jene begünstigt, die finanzielle Mittel und Einfluss haben.

Im Jahr 2009 wurde Vanna im Alter von 15 Jahren von einem Dorfbewohner vergewaltigt,. Ihre Eltern zeigten die Straftat bei der Polizei an, die den Mann verhaftete. Jedoch wurde der Mann freigelassen, nachdem Gerichtsbeamte und die Polizei eine außergerichtliche Beilegung ausgehandelt hatten, bei dem der Täter Geld an die Familie zahlte. Vanna musste in ein Frauenhaus ziehen "Ich traue mich nicht nach Hause gehen. Der Täter wurde freigelassen, weil er Bestechung gezahlt hat und das ist nicht richtig."

Prostituierte, deren Armut durch soziale Stigmatisierung verschärft wird, werden häufig Opfer von Vergewaltigungen und angesichts der Tatsache, dass es in Kambodscha allgemein akzeptierte Praxis ist, dass Männer zu Prostituierten gehen, sind Vergewaltigungen von Prostituierten sehr verbreitet[8].

Fünf Männer im Alter zwischen 20 und 30, vergewaltigten Pheap, eine Prostituierte, außerhalb von Phnom Penh im November 2009. Sie schlugen sie schwer, brachen ihr eine Hand und stahlen etwas Geld.

"Ich habe keine Anzeige [bei der Polizei] erstattet. Ich erzählte es nur einigen Polizisten, die ich kannte, und sie sagten, ich hätte Glück, dass ich nicht getötet wurde und dass wir Prostituierten auf uns selber aufpassen müssen", sagte Pheap Amnesty International. "Die Polizei sollte für Gerechtigkeit sorgen, stattdessen schaut sie auf mich herab."

Vergewaltigung ist ein Akt geschlechtsbezogener Gewalt und stellt eine „Diskriminierung"[9] dar, die aufgrund internationaler Menschenrechtsabkommen, darunter des Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW), verboten ist. Kambodscha hat dieses Abkommen unterzeichnet. Vergewaltigung sollte nicht nur als "sexuelle" Handlung verstanden werden, sondern auch als eine, die durch das Verlangen bestimmt ist, Frauen zu kontrollieren, zu schaden und zu demütigen.[10]

In Anbetracht der Ergebnisse dieses Berichts und des bald in Kraft tretenden neuen Strafgesetzbuches, empfiehlt Amnesty International, dass die kambodschanische Regierung dringend die folgenden Schritte unternimmt:

  • Vergewaltigungen und andere sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen öffentlich zu verurteilen, und sich gegen die weit verbreitete Gleichgültigkeit und mangelnde Besorgnis über die Auswirkungen auf die Opfer von Vergewaltigungen auszusprechen.
  • Die Strategien und Aktionspläne ergänzen, um ausdrücklich sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen
  • zu verhindern
  • angemessen zu untersuchen und zu bestrafen.
  • und sicherzustellen, dass die Behörden, einschließlich der Gerichte klarstellen, dass Vergewaltigung ein Verbrechen gegen die körperliche und geistige Unversehrtheit des Opfers ist und dass sie das Fehlen einer Zustimmung zeigt.
  • Sich mit Ihrem momentane Versagen zu befassen, den Opfern angemessene Entschädigung zu gewähren, einschließlich medizinischer Versorgung und psychologischer Betreuung der Opfer.

 


[1] Diese Übersetzung des Berichtes dient der leichteren Zugänglichkeit. Verbindlich für die Aussagen Amnesty Internationals bleibt das englische Original: Cambodia: Breaking the silence: Sexual violence in Cambodia (ASA 23/001/2010)

[2] Medizinische Betreuung für Opfer von sexueller Gewalt ist in Kambodscha kostenlos. Informelle Gebühren beziehen sich auf Kosten, die ohne jede rechtliche Grundlage eingefordert werden.

[3] Strategischer fünf Jahres Plan 2009-2013 - Neary Rattanak III, Frauenministerium, September 2009, S. 5.

[4] Statistik von Brigadegeneral Chiv Phally, stellvertretender Direktor der Abteilung für die Bekämpfung von Menschenhandel und dem Schutz der Jugend, Innenministerium, Phnom Penh,1. Dezember 2009.

[5] Gemeinsame Statistik der NGOs - Datenbank-Bericht über Menschenhandel und Vergewaltigung in Kambodscha 2007-2008, ECPAT Kambodscha, NGO CRC und Cosecam 2009. Es sollte beachtet werden, dass alle Opfer in dem Bericht weiblich sind.

[6] Im benachbarten Thailand (67,8 Millionen Einwohner) wurden 2006 5.308 Vergewaltigungen berichtet (Quelle: UNODC,  zehnter Überblick der Vereinten Nationen zu Trends in der Kriminalität und der Arbeit des Strafjustizsystems). Im März 2010 hat Amnesty International zwei weitere Berichte veröffentlicht über Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen in den skandinavischen Ländern und in Uganda. Schweden (neun Millionen Einwohner) verzeichnete 2006 3.703 gemeldete Vergewaltigungen (ebd.), während es in Uganda (Bevölkerung 31,6 Mio.) 1.536 Vergewaltigungen im Jahr 2008 gab. (Ugandisches Büro für Statistik).

[7] Jahresbericht 2009, Adhoc, Februar 2010.

[8] Vgl. z. B., Gewalt und HIV-Exposition unter Prostituierten in Phnom Penh, Kambodscha, USAID, März 2006.

[9] "Geschlechtsspezifische Gewalt ist eine Form der Diskriminierung, die die Möglichkeit der Frau, dieselben Rechte und Freiheiten gleichberechtigt mit dem Mann zu genießen, wesentlich beeinträchtigt." Artikel 1, Allgemeine Empfehlung Nr. 19 des Ausschusses für die Beseitigung aller Formen von Gewalt gegen Frauen, (Elfte Sitzung, 1992), UN Doc. A/47/38 at 1 (1993), nachgedruckt in einer Sammlung der allgemeinen Kommentare und allgemeinen Empfehlungen der Menschenrechtsabkommen. UN Doc. HRI/GEN/1/Rev.6 .at 243 (2003).

[10] Vergewaltigung von Frauen, einschließlich Vergewaltigung in der Ehe, Ausschuss für die Chancengleichheit für Frauen und Männer, Europarat, September 2009.