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Inoffizielle Stellungnahme zur religiösen Verfolgung in Vietnam

(Stand: 2007)

Es ist nicht leicht, klare Aussagen über die religiöse Situation in Vietnam zu fällen. Sind wirklich 55% der 81 Millionen Bewohner Buddhisten, wie es beim Informationsdienst Open Doors heißt, oder doch lediglich 9,3%, wie die CIA nach dem Census von 1999 zählte? Ähnlich sieht es bei der Zahl der Christen aus. Vorsichtige Schätzungen gehen von ca. 6 Millionen Katholiken und 600.000 Protestanten aus. Aber auch Zahlen von 1,5 Millionen Protestanten machen immer wieder die Runde, gerade dann, wenn Vietnam von fundamentalistischen Christen oder antikommunistischen Gruppen als Erweckungsland dargestellt wird.

Fakt ist: Die vietnamesische Verfassung von 1992 garantiert die Religionsfreiheit. In immer neuen Dekreten wird diese Freiheit unterstrichen, gleichzeitig aber eingeschränkt: So heißt es in der Durchführungsverordnung vom März 2005 zum letzten Dekret, es ist verboten, die Rechte über Religionsfreiheit und Religion auszunutzen, um Frieden, Unabhängigkeit und nationale Einheit zu untergraben; die Menschen und ethnischen Gruppen zu spalten; die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu stören oder das Leben, die Gesundheit oder die Ehre anderer Menschen zu verletzen.

Um dies durchzusetzen, beansprucht der Staat, über alle religiösen Aktivitäten informiert zu werden. Es gehört zu den Praktiken des Regierungsapparats, jede Predigt mitzuhören und aufzunehmen. Alle Versammlungen von mehr als sieben Personen, die außerhalb genehmigter Gottesdienste stattfinden, sind anzeige- und genehmigungspflichtig. Auch der Erhalt, die Reparatur und der Neubau von Kirchen müssen in jedem Fall von den Behörden genehmigt werden.

Das Ziel hinter diesen Maßnahmen ist klar: wenn Religion ausgeübt wird, soll sie zumindest streng apolitisch sein. So schuf die Regierung z.B. mit der „Buddhistischen Vereinigung Vietnams“ eine Organisation, die für Riten und Liturgien verantwortlich sein, aber keinen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen und sich nicht in Fragen der Politik und der Erziehung betätigen sollte. Die Zulassung von Novizen auf dem Weg zum Mönchs- bzw. Nonnenstand wurde seitens der Regierung von der Erfüllung bestimmter Kriterien im Hinblick auf patriotische Haltung und Einsatz für den Sozialismus abhängig gemacht.

Über die Frage des Beitritts zu dieser Organisation ist es zu einer Spaltung unter den Buddhisten in Vietnam gekommen. Eine Gruppe von Mönchen und Nonnen, welche die alte Tradition des Buddhismus vertreten, bildet die „Vereinigte Buddhistische Kirche Vietnams“ (UBCV), die sich der Vereinnahmung verweigert. In der Folge wurden die meisten Mönche in den Pagoden von den Behörden unter Hausarrest gestellt und daran gehindert, mit ihren Gläubigen frei zu kommunizieren. Von ähnlichen Spaltungen - im Kontext staatlicher Registrierung, die Bedingung für die Religionsausübung in Vietnam ist - berichten auch christliche Gemeinden.

Dort, wo der Glaube mit politischen Ansprüchen einhergeht, ist die Situation ungleich brenzliger. So sind die Degar-Christen im zentralen Hochland immer noch starken Repressionen ausgesetzt. Unter diesem Teil der Bevölkerung waren protestantische Missionare, die Kontakte zu nordamerikanischen evangelikalen Gemeinschaften haben und von dort finanziell und manchmal auch personell unterstützt werden, relativ erfolgreich. Aber die Degar kämpfen nicht nur für religiöse Freiheit, sondern wollen auch das Land, das sie seit vielen Generationen bewohnen, für sich. So hört man aus dieser Region immer wieder von brutalen Auflösungen von Versammlungen, Verhaftungen, Misshandlungen und sogar von willkürlichen Erschießungen wie bei der Osterdemonstration 2004, als Soldaten und Polizisten wahllos in die Menge feuerten.

Insgesamt jedoch sind stark repressive Maßnahmen gegen Gläubige – wie langjährige Haftstrafen bzw. Aufenthalte in Arbeitslagern - mittlerweile unüblich. Sie sind subtileren Formen der Einschüchterung gewichen: regelmäßige Hausdurchsuchungen, Verhöre durch die Behörden, Verhängung kurzer „administrativer“ Haftstrafen und Zwangsumsiedlungen in abgelegene ländliche Gegenden.

Im Kontext des WTO-Beitritts Vietnams haben die USA dem Land im September 2006 „enorme Fortschritte in Richtung religiöse Freiheit“ bescheinigt. Evangelikale Organisationen berichten dagegen immer wieder von gewalttätigen Übergriffen auf Christen, die nicht bereit waren, ihrem Glauben abzuschwören.